Wolke 9

Regie: Andreas Dresen
Jahr: 2008
Filmlänge: 98 Min.
Verleih: Senator
Aufführung: 28. Oktober | 18.30 Uhr | Wintergarten

Wolke 9

Die Nähmaschine rattert. Inge (Ursula Werner) verlässt ihre Wohnung, setzt sich in eine Tram und steht wenig später Karl (Horst Westphal) gegenüber. An der Türschwelle des verdatterten Mannes meint sie wenig überzeugend, ohnehin gerade in der Gegend gewesen zu sein. Die Grundkonstellation ist klar: Inge begehrt diesen Mann. Unbeholfen bittet der sie in seine Wohnung, macht sich unten herum frei, um die gekürzte Hose zu probieren. Der Kamerablick auf ihn ist ein voyeuristischer. Dass sich hier erotische Energie entladen wird ist so logisch wie zwangsläufig. Wenig später fallen die beiden übereinander her. Inge ist Mitte 60, Karl noch zehn Jahre älter. Sie ist seit 30 Jahren mit Werner (Horst Rehberg) verheiratet.

Wolke 9 feierte seine Premiere auf dem prestigeträchtigen Festival in Cannes, wo er prompt  ausgezeichnet wurde. Dies war nur der Anfang einer langen Reihe von Ehrungen: Sowohl Kameramann Michael Hammonn, als auch Hauptdarstellerin Ursula Werner wurden mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet; der Film, sein Regisseur und noch einmal die Schauspielerin wurden mit dem Deutschen Filmpreis geehrt. Auch für den Europäischen Filmpreis waren Andreas Dresen und Ursula Werner nominiert.

Andreas Dresen

Der 1963 in Gera geborene Andreas Dresen arbeitete zunächst als Tontechniker am Schweriner Theater. Bei der DEFA absolvierte er ein Volontariat und übernahm erste Regieassistenzen. Zwischen 1986 und 1991 studierte Dresen an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam. Mit Nachtgestalten machte er 1999 auf sich aufmerksam. 2002 erhielt Dresen auf der Berlinale für Halbe Treppe den Silbernen Bären als bester Regisseur. In Willenbrock (2005), seiner Verfilmung des gleichnamigen Romans von Christoph Hein, arbeitete Dresen erneut mit Axel Prahl zusammen und variierte seine Ästhetik. Mit Sommer vorm Balkon landete er im selben Jahr einen großen Erfolg an den Kinokassen.

Andreas Dresen ist Mitglied der Akademie der Künste, der Europäischen Filmakademie und Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie. Er ist Grimmepreisträger, hat zweimal den Bayerischen Filmpreis in der Kategorie Regie gewonnen, ist ebenfalls zweimal mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet worden und war mehrfach für den Europäischen Filmpreis nominiert.

Andreas Dresen gilt neben Christian Petzold als wichtigster deutscher Regisseur der Gegenwart.

Pressestimmen

Dresen hatte schon immer ein Talent für ungeschminkte Werktagsgesichter, jetzt hat er es auf Allerweltskörper angewendet und den intimsten Film seit Bernardo Bertoluccis Letzter Tango in Paris gedreht. Weil Dresen ein Meister der Einfühlung ist, behalten die Alten ihre Würde. Keine wohltemperierte Choreografie der Gefühle, kein gekünsteltes Stöhnen zu pompöser Musik. Man hört nur das Bimmeln eines Eiswagens. Lakonisch verteidigt der Film die Realität gegen die gewohnheitsmäßige Lüge des Hochglanzkinos. Drei große Charakterdarsteller spielen die Liebe wieder als Verhängnis. Ursula Werner, Horst Rehberg und Horst Westphal vermeiden moralische Urteile über ihre Figuren und gewinnen jeder die Sympathie des Publikums. Dresens Kunst besteht darin, die Tragödie als etwas Alltägliches zu schildern – den antiken Chor beispielsweise ersetzt er durch ein Rentnerinnenensemble, das inbrünstig Oh du schöner Rosengarten trällert. […] So ist Wolke 9: unglaublich, unverschämt, frivol, befreiend und großartig traurig.
(Evelyn Finger, Die Zeit)

Dresen macht utopische Filme. Die eine Utopie ist, dass die Geschichten von Leuten wie dir und mir interessant und bedeutungsvoll genug sind, perforiert noch im Unglück von Magie und Versprechen, um die Gegenwart einer Kamera zu rechtfertigen. Als Gegenentwurf zu jener Kamera, die aus dem wirklichen Leben ein Event für eine halbe Fernsehstunde macht und es dann fortwirft. Die andere Utopie ist es, dass man Filme wirklich gemeinsam machen kann, dass Schauspieler, Kameraleute, Regisseure, Cutter, Tonleute und so weiter gleichwertige Autoren eines Kunstwerkes sind, und dass die kollektive Kunst des Kinos schließlich den Zuschauer mit einschließen kann. Wolke 9, zum Beispiel, geht ja in unseren Köpfen weiter.
(Georg Seeßlen, Der Freitag)

Trailer

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